die ausstellung traces towards four coranderrk drawings in a berlin store-room des australischen künstlers tom nicholson präsentiert versatzstücke von zwei miteinander verknüpften künstlerischen aktionen im öffentlichen raum, die im vergangenen jahr in melbourne und in berlin stattgefunden haben.
die erste jener interventionen action for 2pm sunday 6 july 1835 fand im november 2005 in melbourne statt. in nächtlichen
plakatieraktionen wurden 1000 poster in den strassen melbournes affichiert. die plakate zeigen william buckley, einen in
macclesfield/england verurteilten, der 1802 aus dem britischen gefängnis bei sorrento nahe dem heutigen melbourne floh. buckley wurde von einer gruppe aboriginies, den wathaurung, aufgenommen und lebte drei jahrzehnte in dieser gemein-schaft. jene geschichte europäischer assimilation in einer aboriginy-kultur ist als der berühmteste akt dieser art in die geschichte australiens eingegangen. tom nicholsons arbeit fokussiert auf ein konkretes ereignis dieses
historischen zusammenhangs: der 06. juli 1835 markiert das datum von buckleys rückkehr in die weisse gesell-schaft. an diesem tag traf er in begleitung einiger wathaurung-männer in dem von dem unternehmer john batman gegründeten camp indented head ein. der pionier batman gilt inzwischen gemeinhin als der begründer melbournes. nicholsons posterprojekt zielte darauf ab jenes zusammen-treffen der kulturen als moment eigentümlicher politischer bedeutung und spezifischen
potentials zu thematisieren. gleichermassen versuchte diese plakatieraktion sowohl das nächtliche ambiente als topos eines erinnerungsraums anzuführen als auch das populäre sujet als teil der imagekonstruktion des 19. jahrhunderts aufzugreifen.
die zweite intervention action for 7pm saturday 3 december 1892 fand in berlin statt. das augenmerk dieser aktion lag auf dem treffen, das 1892 zwischen dem berliner sammler und ethnographen arthur baessler und dem aktivisten, künstler und politischen aboriginies-anführer william barak stattfand. barak wuchs als wurundjeri im gebiet des heutigen melbourne auf. als kind wurde er zeuge der ankunft john batmans und seiner versuche sich das aboriginy-territorium
anzueignen. in den 90er jahren des 19. jahrhunderts wurden barak und seine community von ihrem land vertrieben, sie lebten fortan in coranderrk, einem aboriginy-reservat nicht weit von melbourne entfernt. das treffen zwischen baessler und barak, das in baesslers tagebüchern enthusiastisch beschrieben wird, fand in coranderrk statt. in seinen aufzeichnungen greift baessler fragmente von baraks autobiografie auf. wiederholt verweist er in diesem zusammenhang auf william buckley und seine, nach seiner rückkehr in das weisse gesellschaftssystem unter-nommenen versuche den aboriginies die normen europäischer gesell-schaftsmodelle nahezulegen. neben den schriftlichen aufzeichnungen brachte baessler ebenfalls sowohl von ihm aufgenommene portraitfotos von barak, als auch vier zeichnungen, die er von barak erworben hatte nach berlin zurück. jene aquarell- und bleistiftzeichnungen des inzwi-schen zu gewissen ruhm gekommenen
künstlers barak zeugen von der geschichte und der kultur der wurundjeri. die zeichnungen gehören mittlerweile der sammlung des ethnologischen museums in berlin-dahlem, wo nicholson die arbeiten vor kurzem in den museumsdepots sah.
die ausstellung traces towards four coranderrk drawings in a berlin store-room greift zwei momente von bedeutendem, obwohl flüchtigen kontakt zwischen aboriginies und europäern in der frühgeschichte von melbourne auf. die präsentation ist als erinnerungsmomentum angelegt, obschon die arbeit formal-ästhetisch eher der logik des antimonumen-talen folgt, indem sie sich ephemerer visualisierungsstrategien bedient, prozesshaft angelegt ist und mit der distribution von bildern ausserhalb des kunstkontextes operiert. diese formen der artikulation zielen darauf ab eine kurze periode der
australischen geschichte, die durch radikale brüche und gewalt gekennzeichnet ist, zu thematisieren, jene aber auch sichtbar und rezipierbar zu machen. durch die struktur der interventionen, die sich über zwei spezifische historische ereignisse und zwei städte herstellt, werden ebenfalls die beiden kontinente und kulturen europas und australiens direkt miteinander gekoppelt. der dadurch entstehende verhandlungs- und diskursraum kommuniziert insbesondere die ebene des australischen selbstverständ-nisses und das kollektive versagen einer adäquaten auseinandersetzung mit der eigenen
geschichte.
October 2006.
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